Wir leben in einer Zeit, die das Vorläufige nur als Mangel kennt. Jeder Gedanke soll eine These, jeder Versuch ein Ergebnis, jede Biografie eine erkennbare Linie ergeben. Selbst dort, wo wir suchen, sollen wir aussehen, als hätten wir längst gefunden. Das Unfertige gilt als etwas, das noch überwunden werden muss.
Darin liegt eine eigentümliche Härte. Denn das Leben selbst kennt keinen abgeschlossenen Zustand. Es nimmt Formen an, verwirft sie, kehrt zu früheren Fragen zurück und findet bisweilen Antworten auf Probleme, die wir nicht mehr gestellt hatten. Wer nur das Vollendete gelten lässt, verlangt vom Lebendigen, sich wie ein Gegenstand zu verhalten.
Das offene Werk
Ein unfertiges Werk ist nicht notwendig ein schlechtes Werk. Es kann präzise sein, ohne abgeschlossen zu sein. Es kann eine Richtung besitzen, ohne sein Ziel zu kennen. Gerade darin unterscheidet sich das Offene vom Beliebigen: Das Beliebige weigert sich, Form anzunehmen; das Offene hat eine Form, die weitere Bewegung erlaubt.
Das Unfertige ist nicht das Gegenteil von Form. Es ist eine Form, die noch atmet.
Diese Unterscheidung verändert auch den Blick auf uns selbst. Wir müssen nicht jede frühere Version unseres Lebens rechtfertigen, um ihr einen Platz zu geben. Manche Irrtümer waren Durchgänge. Manche Umwege haben Fähigkeiten hervorgebracht, deren Sinn erst später sichtbar wurde. Nicht alles muss bleiben; aber nichts war deshalb ohne Wirkung.
Eine Ethik des Werdens
Die Würde des Unfertigen anzuerkennen heißt nicht, auf Anspruch zu verzichten. Im Gegenteil: Es verlangt, genauer zu unterscheiden. Was braucht Geduld? Was ist bloße Trägheit? Wo schützt die Rede vom Prozess vor einer Entscheidung, die längst fällig ist? Ein offenes Leben ist kein unverbindliches Leben.
Vielleicht zeigt sich Haltung gerade in dieser Spannung: entschieden zu handeln und doch bereit zu bleiben, sich vom Ergebnis verändern zu lassen. Wir geben unserem Leben eine Richtung, ohne so zu tun, als könnten wir seinen ganzen Verlauf überblicken.