Es gibt einen eigentümlichen Moment beim Arbeiten mit künstlicher Intelligenz, der sich nur schwer einer vertrauten Kategorie zuordnen lässt. Man beginnt mit einer Vorstellung, vielleicht noch unscharf und nur aus einigen Zusammenhängen bestehend, beschreibt eine Richtung, verwirft Vorschläge, ergänzt Bedingungen und erhält schließlich einen Text oder ein Stück Programmcode, in dem man den eigenen Gedanken erstaunlich deutlich wiedererkennt.

Das Ergebnis ist nicht fremd. Oft ist gerade das Gegenteil der Fall. Man liest einen Absatz und denkt, dass genau dies gemeint war, vielleicht sogar präziser, als man es selbst hätte ausdrücken können. Beim Programmieren kann derselbe Eindruck noch stärker werden, wenn Architektur, Anforderungen und Entscheidungen von einem selbst stammen, während große Teile der konkreten Implementierung von einer Maschine erzeugt wurden.

Es sind meine Gedanken, aber nicht meine Worte.

Vielleicht berührt uns diese Erfahrung deshalb so merkwürdig, weil wir mit künstlicher Intelligenz einen Medienbruch nicht nur beobachten, sondern an den eigenen Fähigkeiten erfahren. Tätigkeiten, die wir über Jahre eingeübt haben, verlieren innerhalb kurzer Zeit einen Teil ihrer bisherigen Notwendigkeit. Was gestern noch Voraussetzung dafür war, einen Gedanken in eine bestimmte Form zu bringen, kann heute teilweise übersprungen werden.

Eine Fähigkeit, die man lange ausgeübt hat, bleibt aber selten bloß eine Fähigkeit. Sie wird Teil der eigenen Vorstellung davon, wer man ist.

Wer zwanzig Jahre programmiert hat, hat nicht nur gelernt, einen Computer zu steuern. Er hat unzählige Stunden damit verbracht, Probleme zu zerlegen, Fehler zu suchen, formale Regeln zu verinnerlichen und Vorstellungen so lange zu präzisieren, bis eine Maschine sie ausführen konnte. Wer schreiben gelernt hat, hat nicht bloß Wörter aneinandergereiht, sondern einen Teil seines Denkens im Widerstand der Sprache entwickelt. Wer Mathematik betrieben hat, hat nicht nur Ergebnisse gesammelt, sondern eine bestimmte Weise eingeübt, Dinge zu abstrahieren, Voraussetzungen zu prüfen und aus wenigen Annahmen Konsequenzen entstehen zu lassen.

Wenn eine Maschine plötzlich einen erheblichen Teil dieser Tätigkeiten übernehmen kann, wird deshalb nicht nur eine Arbeitsmethode infrage gestellt. Es wird etwas berührt, das sich über Jahre mit der eigenen Identität verbunden hat.

Die alltägliche Kränkung

Rüdiger Safranski hat diese Erfahrung in seinem 2026 erschienenen Buch Die Vierte Kränkung in eine größere Geschichte menschlicher Selbstrelativierung gestellt. Nach Kopernikus, Darwin und Freud treffe uns nun die Zumutung, dass selbst geistige Leistungen, mit denen der Mensch seine besondere Stellung begründet hat, von Maschinen erbracht werden können. Safranski antwortet darauf mit einer Rückbesinnung auf Bewusstsein, Freiheit, Emotion und den schöpferischen menschlichen Geist.

Mich interessiert an dieser Kränkung allerdings weniger die Frage, ob der Mensch seine Sonderstellung im Universum verliert.

Interessanter erscheint mir die alltäglichere Kränkung.

Wir entdecken, dass manches, worauf wir stolz waren, möglicherweise nicht deshalb von uns getan wurde, weil es eine unverzichtbare menschliche Leistung war, sondern weil es bisher niemand anderen gab, der es für uns tun konnte.

Um mit einem Computer zu kommunizieren, musste der Mensch dessen Sprache lernen.

Nun beginnt sich dieses Verhältnis umzudrehen.

Der Computer lernt unsere Sprache.

Etwas zugespitzt könnte man deshalb sagen, dass Englisch inzwischen zu einer der wichtigsten Programmiersprachen geworden ist. Ein Mensch beschreibt, welches Verhalten er benötigt, während ein Modell die Übersetzung in JavaScript, Python, C oder eine formale Sprache übernimmt. Das Programmieren verschwindet dadurch nicht, doch sein Schwerpunkt verändert sich. Systemverständnis, Architektur, Urteil, Kontrolle und die Fähigkeit, überhaupt die richtige Problemstellung zu formulieren, können wichtiger werden, während die Beherrschung bestimmter syntaktischer Einzelheiten an Bedeutung verliert.

Rational betrachtet kann das eine Befreiung sein.

Emotional fühlt es sich nicht immer so an.

Vielleicht ermöglicht uns gerade diese Spannung einen ungewöhnlichen Blick zurück auf die Geschichte.

Wenn ein Medium zurückwirkt

Wir betrachten vergangene Medienwechsel fast ausschließlich von ihrem Ende her. Niemand bezweifelt ernsthaft den kulturellen Gewinn der Schrift, des Buchdrucks oder des Computers. Die Welt, in der wir leben, wäre ohne diese Techniken nicht denkbar. Weil wir aber mit ihrem Ergebnis aufgewachsen sind, können wir kaum noch nachempfinden, was ihr Auftreten für Menschen bedeutete, deren Fähigkeiten sich an der vorherigen Ordnung ausgebildet hatten.

In einer Kultur des gesprochenen Wortes war die Fähigkeit zur Rede keine bloße Ergänzung des Denkens. Wissen musste erinnert, ein Gedanke im richtigen Augenblick hervorgebracht und vor einem anwesenden Gegenüber vertreten werden. Der Redner konnte seinen Satz nicht am folgenden Tag umstellen, eine misslungene Formulierung rückstandslos löschen oder eine Antwort erst veröffentlichen, nachdem sie zwanzigmal überarbeitet worden war.

Gedanke, Stimme, Erinnerung, Körper und Situation gehörten zusammen.

Die Schrift löste diese Verbindung teilweise auf. Ein Gedanke konnte plötzlich überdauern, ohne dass sein Urheber anwesend sein musste. Wissen ließ sich außerhalb des Menschen speichern. Ein Text konnte einen anderen Ort und eine andere Generation erreichen. Die Möglichkeiten menschlichen Denkens erweiterten sich dadurch in einem Ausmaß, das kaum überschätzt werden kann.

Gerade deshalb wirkt Platons im Phaidros überlieferte Skepsis gegenüber der Schrift aus heutiger Sicht beinahe befremdlich. Die Sorge, äußere Zeichen könnten Erinnerung und lebendiges Verstehen schwächen, steht für uns vor einer Kulturgeschichte, die diese Technik längst gerechtfertigt hat.

Für den Menschen des damaligen Medienwechsels musste die Bilanz weniger eindeutig gewesen sein. Wer sein Leben darin geschult hatte, lange Gedankengänge im Gedächtnis zu tragen, spontan zu sprechen und in der unmittelbaren Begegnung Wirkung zu entfalten, sah plötzlich eine Technik entstehen, die einen Teil dieser Fähigkeiten weniger notwendig machte.

Die Schrift vernichtete die Rhetorik nicht. Sie veränderte aber die Bedingungen, unter denen Rhetorik Bedeutung hatte.

Vielleicht beginnt jeder tiefgreifende Medienbruch auf diese Weise. Eine Kultur gewinnt eine neue Möglichkeit und bemerkt erst allmählich, dass dadurch Fähigkeiten in den Hintergrund treten, um die sich zuvor Bildung, Prestige und persönliche Identität gebildet hatten.

Auch die Handschrift zeigt diese Ambivalenz. Wer mit der Hand schreibt, produziert nicht nur Zeichen. Der Gedanke wird in eine körperliche Bewegung übersetzt. Die Geschwindigkeit des Schreibens ist an die Motorik gebunden, jeder Buchstabe entsteht durch eine eingeübte Bewegung und das Schriftbild trägt eine individuelle Spur seines Urhebers. Das Verschriftlichen besitzt dadurch eine körperliche Unmittelbarkeit, die beim Tippen bereits schwächer wird.

Der Buchdruck löste den öffentlichen Text zunehmend von dieser Bewegung. Gerade darin bestand seine historische Kraft. Ein Gedanke konnte tausendfach nahezu identisch auftreten, ohne tausendmal durch eine menschliche Hand gehen zu müssen.

Etwas ging verloren und etwas viel Größeres wurde möglich.

Mit der Schreibmaschine musste der Buchstabe nicht länger gezeichnet werden, sondern konnte durch einen Tastendruck ausgelöst werden. Der Computer machte anschließend den gesamten Text beweglich. Sätze konnten rückstandslos verschwinden, Absätze verschoben, Varianten gespeichert und Gedanken in einer Form bearbeitet werden, die auf Papier kaum denkbar gewesen wäre.

Diese Werkzeuge verändern nicht nur, wie ein fertiger Gedanke aussieht. Sie verändern, wie er entsteht.

Wer jederzeit löschen kann, schreibt anders als jemand, dessen Irrtum auf dem Papier sichtbar bleibt. Wer einen Absatz beliebig verschieben kann, muss den Aufbau eines Textes nicht in derselben Weise vor dem Schreiben festlegen. Wer einen Gedanken jederzeit veröffentlichen kann, entwickelt ein anderes Verhältnis zur Grenze zwischen privater Überlegung und öffentlicher Äußerung.

Ein Medium steht deshalb niemals bloß zwischen einem fertigen Gedanken und seiner Darstellung. Es wirkt auf den Menschen zurück, der mit ihm denkt.

Künstliche Intelligenz führt diese Entwicklung nun an eine Stelle, an der sie besonders empfindlich wird. Sie verändert nicht mehr nur den materiellen Träger, die Verbreitung oder die Bearbeitbarkeit eines Gedankens, sondern dringt in jenen Bereich ein, in dem aus einer unklaren Vorstellung überhaupt erst eine Form entsteht.

Der Widerstand im Denken

Beim Schreiben weiß ich häufig erst nach einigen Absätzen, was ich eigentlich sagen wollte. Eine Vorstellung, die im Kopf vollkommen schlüssig erschien, zerfällt beim Versuch, sie in einen präzisen Satz zu bringen. Eine Behauptung zieht Konsequenzen nach sich, die vorher unsichtbar waren. Zwei Gedanken lassen sich nicht verbinden, weil zwischen ihnen ein Widerspruch liegt, den ich erst im Schreiben entdecke.

Das Formulieren war nie nur Verpackung.

Ein Teil des Denkens geschah im Widerstand der Sprache.

Beim Programmieren ist dieser Widerstand noch unerbittlicher. Eine Idee kann vollkommen eindeutig erscheinen, bis sie in einzelne Operationen zerlegt werden muss. Plötzlich fehlen Fälle, Zustände widersprechen einander und Begriffe, die in natürlicher Sprache vollkommen klar wirkten, erweisen sich gegenüber einer Maschine als erschreckend unpräzise.

Der Computer akzeptiert nicht, dass ungefähr klar sei, was gemeint war.

Gerade darin lag ein Teil seiner pädagogischen Wirkung auf den Programmierer.

Nun kann künstliche Intelligenz zwischen diese beiden Seiten treten. Sie kann eine grobe menschliche Vorstellung aufnehmen und einen erheblichen Teil der Präzisierung selbst übernehmen.

Was geschieht mit uns, wenn der Widerstand verschwindet?

Die naheliegende Antwort wäre, ihn künstlich zu bewahren. Sie überzeugt mich nicht.

Mühe besitzt keinen Wert, nur weil sie Mühe ist.

Ich habe mir selbst einen großen Teil der Mathematik erst nach meinem Studium noch einmal sauber erschlossen. Vieles, was anderen schon früher selbstverständlich erschien, musste ich mir über Umwege zugänglich machen, und manche Begriffe wurden erst klar, nachdem ich mehrfach an ihnen gescheitert war.

Später erwies sich gerade diese Erfahrung beim Lehren als wertvoll. Wer selbst einmal nicht verstanden hat, warum ein scheinbar einfacher Schritt selbstverständlich sein soll, kann sich häufig besser vorstellen, wo ein anderer Mensch gerade hängenbleibt. Man erinnert sich an den eigenen falschen Zugang und kennt vielleicht einen zweiten oder dritten Weg zum selben Gegenstand.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Studenten möglichst viele Schwierigkeiten haben sollten.

Der Wert lag nicht im Leiden am Problem. Er lag in dem, was während seiner Bearbeitung entstanden ist.

Dies wird in guten Seminaren noch deutlicher. Wer Interaktion möchte, muss zulassen, dass Menschen unfertige Gedanken aussprechen. Manche Beiträge werden unpräzise, manche banal und manche schlicht falsch sein. Würde jeder solche Versuch sofort bloßgestellt, stiege vielleicht kurzfristig das Niveau der ausgesprochenen Sätze, während das eigentliche Gespräch sehr schnell verstummte.

Die Kunst eines guten Dozenten besteht darin, einen unfertigen Gedanken so aufzunehmen, dass sein möglicher Gehalt sichtbar wird, seine Schwächen korrigiert werden und derjenige, der ihn geäußert hat, sich danach eher noch einmal zu Wort meldet als nie wieder.

Das Unfertige ist in einem solchen Raum kein Abfallprodukt. Es ist Teil des Prozesses.

Man könnte ein Seminar mit künstlicher Intelligenz erheblich effizienter gestalten, wenn Effizienz bedeutete, möglichst schnell zu möglichst guten Antworten zu gelangen. Man müsste nur die besten Fragen eingeben, die besten Antworten erzeugen und sie anschließend verteilen.

Für Bildung wäre damit erstaunlich wenig gewonnen.

Eine mathematische Aufgabe wird einem Studenten schließlich nicht gestellt, weil die Menschheit dringend noch seine Lösung benötigt. In aller Regel ist die Lösung längst bekannt. Der Sinn liegt darin, was während des Versuchs, sie zu finden, in seinem Denken geschieht.

Hier liegt eine Unterscheidung, die im Zeitalter künstlicher Intelligenz zentral werden könnte.

Es gibt Tätigkeiten, deren Zweck vorwiegend im Ergebnis liegt. Und es gibt Tätigkeiten, bei denen der Weg einen Teil des Ergebnisses hervorbringt.

Wenn ich eine Software für ein konkretes Problem benötige, kann es vollkommen vernünftig sein, große Teile ihrer Implementierung zu automatisieren. Das Ziel ist die funktionierende Software und nicht die charakterliche Vervollkommnung des Programmierers.

Wenn ein Mensch programmieren lernt, kann dieselbe Automatisierung einen anderen Effekt haben. Er erhält möglicherweise das Produkt, bevor sich jene Vorstellungen gebildet haben, durch die er dessen Qualität überhaupt beurteilen könnte.

Genau diese Unsicherheit ist heute bereits sichtbar. In Programmierforen tauchen regelmäßig Fragen auf, ob es sich überhaupt noch lohne, Programmieren zu lernen, ob ein Informatikstudium angesichts von KI noch sinnvoll sei oder wie Lernen aussehen soll, wenn eine Maschine bereits den größten Teil des Codes erzeugen kann. Andere beschreiben, dass gerade jener Reiz verloren gehe, der früher darin lag, ein Problem selbst lange zu untersuchen und schließlich zu lösen. Solche Beiträge sind keine Prognose des Arbeitsmarktes, aber sie zeigen sehr deutlich die Verunsicherung eines Selbstbildes.

Der technische Wandel kann schneller sein als der Mensch, der sich in der alten Ordnung eingerichtet hat.

Wenn eine Ordnung sich schneller ändert als eine Biografie

Deutschland kennt eine sehr viel tiefgreifendere Erfahrung dieser Art.

Mit dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung veränderten sich für Millionen Menschen innerhalb kürzester Zeit nicht lediglich politische Institutionen. Arbeitsplätze, Berufsbiografien, soziale Sicherheiten und Bewertungsmaßstäbe verloren ihre bisherige Gültigkeit. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Arbeitsplatz in der DDR ausdrücklich als Identitätsmarker und Maßstab der eigenen Lebensleistung; bis 1993 hatte nur noch ungefähr ein Viertel der Beschäftigten denselben Arbeitsplatz wie vor 1989/90. Die wirtschaftlichen und politischen Freiheitsgewinne der Einheit gehören selbstverständlich ebenso zur Geschichte, doch für viele Menschen bedeutete die Transformation zugleich, dass Fähigkeiten, Lebenspläne und soziale Stellungen, die gestern noch Orientierung boten, innerhalb kurzer Zeit neu bewertet wurden.

Es wäre unangemessen, den gegenwärtigen Wandel der IT mit den sozialen Verwerfungen der deutschen Wiedervereinigung gleichzusetzen. Die historischen Dimensionen sind vollkommen verschieden.

Die strukturelle Erfahrung ist trotzdem aufschlussreich.

Eine Gesellschaft kann ihre Regeln schneller verändern, als ein Mensch seine Biografie neu schreiben kann.

Wer dreißig Jahre in einer Ordnung gelebt, gearbeitet und Fähigkeiten entwickelt hat, kann nicht am nächsten Morgen einfach ein anderer Mensch sein, nur weil die äußeren Maßstäbe gewechselt haben. Was gesellschaftlich als notwendige Modernisierung oder Befreiung erscheinen kann, wird biografisch möglicherweise als Entwertung erlebt.

Genau deshalb sollten wir die gegenwärtige Verunsicherung nicht vorschnell als Technikfeindlichkeit oder verletzte Eitelkeit abtun.

Natürlich steckt Eitelkeit darin.

Sie steckt in fast jeder Identität.

Wer stolz darauf war, besonders gut programmieren zu können, erlebt eine Kränkung, wenn ein Anfänger mit einem Sprachmodell innerhalb weniger Stunden Ergebnisse erzeugt, für die früher jahrelange Erfahrung notwendig war. Wer seinen Wert stark an sprachlicher Virtuosität festgemacht hat, wird anders auf eine Maschine reagieren, die in Sekunden elegante Texte schreibt, als jemand, für den Sprache nur Mittel zum Zweck war.

Die Kränkung zeigt dabei etwas Wertvolles. Sie zeigt uns, woran wir unser Selbstbild gebunden haben.

Welche Fähigkeiten wollen wir behalten?

Vielleicht liegt gerade darin eine produktivere Antwort auf Safranskis vierte Kränkung. Man muss die menschliche Besonderheit nicht dadurch retten, dass man hinter jeder Fähigkeit eine letzte Bastion sucht, die Maschinen niemals überschreiten dürfen.

Vielleicht ist die interessantere Frage, warum wir uns überhaupt so stark über die Beherrschung bestimmter Werkzeuge definiert haben.

Der gute Programmierer war möglicherweise nie deshalb wertvoll, weil er besonders schnell Code produzieren konnte. Der gute Autor war nie deshalb interessant, weil seine Finger selbst jeden Buchstaben tippten. Der gute Redner der Antike war nicht allein deshalb bedeutend, weil sein Gedächtnis mehr Sätze bewahren konnte als das anderer Menschen.

Medienwechsel legen offen, was an einer Fähigkeit wesentlich war und was nur durch die technischen Bedingungen einer Zeit notwendig erschien.

Gerade deshalb sehe ich in dieser Entwicklung weniger einen Verlust als eine ungewöhnliche Möglichkeit zur Erweiterung.

Wir müssen die alten Kulturtechniken nicht gegeneinander ausspielen. Wir können sie sammeln.

Ein Mensch sollte weiterhin lernen, frei zu sprechen, obwohl er jederzeit einen perfekt formulierten Text generieren lassen kann. Nicht weil die Welt ohne diese Fähigkeit zusammenbräche, sondern weil das offene Sprechen etwas verlangt, was der vorbereitete Text nicht verlangt. Man muss anwesend sein, auf ein Gegenüber reagieren, Unvollkommenheit aushalten und einen Gedanken frei entwickeln.

Wir sollten weiterhin mit der Hand schreiben, obwohl die Tastatur schneller ist. Nicht jedes Protokoll und nicht jedes Manuskript, aber oft genug, um die Erfahrung nicht zu verlieren, dass Sprache auch eine körperliche Bewegung sein kann und dass ein Gedanke anders erscheint, wenn er sich nur in der Geschwindigkeit der eigenen Hand entwickeln darf.

Wir sollten einen Computer verstehen lernen, obwohl seine Oberfläche immer einfacher wird. Wir sollten wissen, was Dateien, Prozesse, Netzwerke und Datenstrukturen sind, auch wenn wir sie zunehmend hinter komfortablen Abstraktionen bedienen.

Wir sollten programmieren lernen, selbst wenn ein großer Teil des späteren Codes von Maschinen erzeugt wird, weil die Erfahrung formaler Präzision und des Zerlegens von Problemen einen Wert besitzt, der über die Produktion der einzelnen Codezeile hinausgeht.

Wir sollten ebenso lernen, ein Smartphone souverän zu benutzen, Informationen im Internet zu beurteilen und mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten.

Keines dieser Medien muss das vorherige verdrängen.

Vielleicht besteht Bildung künftig gerade darin, zwischen ihnen wechseln zu können.

Die mündliche Rede trainiert etwas anderes als die Handschrift. Die Handschrift etwas anderes als die Tastatur. Programmieren etwas anderes als das Beschreiben eines Programms in natürlicher Sprache. Und die Arbeit mit künstlicher Intelligenz verlangt wiederum eigene Fähigkeiten, die man nicht dadurch erwirbt, dass man sie als minderwertigen Ersatz für frühere Tätigkeiten betrachtet.

Ein neues Medium erweitert den Menschen vor allem dann, wenn es sein Repertoire vergrößert und nicht nur das vorherige ersetzt.

Damit verändert sich auch die Frage nach dem Wissen.

Wissen, Zeit und das Offenhalten einer Frage

Über lange Zeit waren der Erwerb von Information und die Dauer einer Beschäftigung mit einem Gegenstand nahezu zwangsläufig aneinander gebunden. Wer in einem Buch auf einen unbekannten Autor stieß, konnte nicht unmittelbar dessen gesamtes Werk durchsuchen, eine Zusammenfassung anfordern, Gegenpositionen erzeugen und sich anschließend noch die historische Einordnung erklären lassen.

Vielleicht suchte er einige Tage nach dem nächsten Buch. Vielleicht mehrere Wochen.

Währenddessen blieb die Frage offen.

Wir neigen heute dazu, diese Verzögerung ausschließlich als Defizit zu betrachten, und in vielen Fällen war sie genau das. Ein schwer zugängliches Buch macht niemanden klüger, nur weil es schwer zugänglich ist.

Trotzdem hatte diese Langsamkeit eine Nebenwirkung.

Ein Thema konnte reifen.

Wer wochenlang mit einer offenen Frage lebte, trug sie durch andere Situationen seines Lebens. Beobachtungen verbanden sich mit ihr, erste Erklärungen wurden verworfen, Nebensächlichkeiten gewannen plötzlich Bedeutung. Wenn die gesuchte Information schließlich eintraf, begegnete sie nicht mehr ganz demselben Menschen, der ursprünglich nach ihr gesucht hatte.

Der Gegenstand war ein Stück weit inkorporiert worden.

Vielleicht haben wir deshalb lange zwei Prozesse für denselben gehalten, weil sie kaum voneinander zu trennen waren: den Erwerb von Wissen und die Veränderung des Menschen während dieses Erwerbs.

Wenn jemand zehn Jahre ein Gebiet studiert hatte und anschließend anders über die Welt dachte, lag es nahe, diese Veränderung vollständig den Informationen zuzuschreiben, die er in dieser Zeit angesammelt hatte. Vielleicht war ein Teil davon schlicht dadurch entstanden, dass er zehn Jahre lang mit denselben Fragen gelebt hatte.

Künstliche Intelligenz trennt diese beiden Prozesse auf eine Weise, die historisch ungewöhnlich ist. Ein Informationsstand, dessen Erwerb früher Monate in Anspruch genommen hätte, kann heute in Stunden erreicht werden. Die nächste Quelle, die Gegenposition, eine Erklärung des unbekannten Begriffs und die Kritik der Erklärung liegen nur noch wenige Eingaben voneinander entfernt.

Eine Frage kann beantwortet werden, bevor sie Gelegenheit hatte, schwierig zu werden.

Gerade deshalb könnte eine neue Fähigkeit wichtig werden, die früher kaum als Fähigkeit wahrgenommen wurde:

Eine Frage offenhalten zu können, obwohl ihre Antwort jederzeit verfügbar wäre.

Wo uns die Welt früher zur Geduld zwang, müssen wir heute manchmal selbst entscheiden, ob wir eine Antwort tatsächlich schon wollen.

Das ist keine romantische Verehrung des Nichtwissens. Häufig ist die sofortige Antwort genau das, was wir benötigen. Ein technisches Problem, das lediglich unsere eigentliche Arbeit blockiert, darf verschwinden. Eine Quelle, die uns fehlt, sollte gefunden werden. Eine monotone Berechnung muss niemand aus pädagogischem Stolz selbst durchführen.

Entscheidend ist die Frage, ob der Widerstand nur vor dem Gegenstand lag oder ob er Teil unserer Auseinandersetzung mit ihm war.

Diese Unterscheidung wird in der Mathematik besonders deutlich.

Ein mathematisches Problem ist kein Selbstzweck menschlicher Anstrengung. Wenn es durch Brute Force gelöst werden kann, kann Brute Force legitim sein. Wenn automatisierte Beweistechniken eine Aussage sichern, ist das ein Gewinn. Wenn künstliche Intelligenz einen Beweis findet, den kein Mensch gesehen hat, wäre es eigentümlich, ihn allein deshalb abzulehnen, weil kein Mensch genug gelitten hat.

Gleichzeitig besitzt ein Beweis neben seiner formalen Gültigkeit häufig noch eine zweite Qualität.

Er kann erklären.

Ein formal korrekter Katalog aus zehntausenden Schritten kann eine Aussage zweifelsfrei beweisen und dennoch wenig dazu beitragen, dass ein Mensch erkennt, warum sie wahr ist. Ein eleganter Beweis kann denselben Zusammenhang in wenigen Ideen so sichtbar machen, dass anschließend nicht nur das Ergebnis, sondern die Struktur selbst verstanden wird.

Ich kann einer Maschine bei der ersten Aufgabe vertrauen. Bei der zweiten möchte ich irgendwann selbst sehen.

Vielleicht liegt darin eine Grenze, die für viele Bereiche wichtiger werden wird. Wir müssen nicht alles selbst hervorbringen, aber wir sollten unterscheiden können, wann wir ein Ergebnis benötigen und wann wir Erkenntnis suchen.

Meine Gedanken, nicht meine Worte

Das Gleiche gilt für Texte.

Wenn eine künstliche Intelligenz einen Absatz formuliert, der meine Auffassung präzise ausdrückt, wird er nicht allein dadurch fremd, dass meine Finger ihn nicht geschrieben haben. Sprache war ohnehin nie vollständig mein Besitz. Jedes Wort, das ich benutze, haben andere vor mir verwendet, und fast jeder Gedanke entsteht in einer Kultur, die bereits voller Gedanken ist.

Autorschaft kann deshalb schwerlich bedeuten, jedes Wort eigenhändig hervorgebracht zu haben.

Sie verlangt aber mehr als Zustimmung.

Verstehe ich den Gedanken? Kann ich ihn verteidigen? Erkenne ich seine Voraussetzungen? Würde ich bemerken, wenn die Maschine etwas hineinformuliert hätte, das meiner eigentlichen Auffassung widerspricht? Hat sie meinen Gedanken nur klarer gemacht oder mir einen Gedanken gegeben, dessen Wirkung ich mit seiner Aneignung verwechsle?

Die Grenze verläuft weniger zwischen menschlich und maschinell erzeugten Worten als zwischen einem Gedanken, den ich tragen kann, und einem Gedanken, der nur überzeugend vor mir steht.

Damit kehrt die Kränkung in veränderter Form zurück.

Vielleicht besteht die vierte Kränkung tatsächlich darin, dass wir entdecken, wie viele vermeintlich geistige Exklusivleistungen technisch reproduzierbar sind.

Doch daraus muss keine Verkleinerung des Menschen folgen.

Es könnte eine Befreiung von einer merkwürdigen kollektiven Eitelkeit sein, die menschliche Würde an die jeweils letzte Fähigkeit bindet, die eine Maschine noch nicht beherrscht.

Wenn Maschinen besser rechnen, müssen wir nicht behaupten, der Mensch sei eigentlich durch das Rechnen ausgezeichnet. Wenn sie besser Schach spielen, müssen wir nicht die Regeln ändern, bis wir wieder gewinnen. Wenn sie programmieren, schreiben oder mathematische Vermutungen bearbeiten können, müssen wir nicht verzweifelt die nächste Tätigkeit suchen, mit der wir unsere Besonderheit beweisen.

Vielleicht können wir stattdessen fragen, welche Art von Menschen wir mit diesen neuen Möglichkeiten sein wollen.

Dafür müssen wir nicht die alten Medien vergessen. Im Gegenteil. Vielleicht liegt der Gewinn unserer Zeit gerade darin, dass wir erstmals auf einen ungewöhnlich großen Bestand menschlicher Ausdrucksformen zurückgreifen können.

Wir können miteinander sprechen und den unmittelbaren Widerstand eines Gegenübers erleben. Wir können mit der Hand schreiben und einen Gedanken an die Geschwindigkeit unseres Körpers binden. Wir können drucken und Gedanken von ihrer konkreten Entstehung lösen. Wir können digital schreiben und sie in beinahe beliebiger Form bearbeiten. Wir können programmieren und lernen, Vorstellungen in formale Strukturen zu zwingen. Wir können künstliche Intelligenz benutzen und Gedanken von einem System spiegeln, ordnen, kritisieren und fortführen lassen.

Die Geschichte der Medien muss keine Geschichte sein, in der jede neue Schicht die vorherige beseitigt. Sie kann eine Geschichte wachsender Möglichkeiten werden.

Dafür müssen wir allerdings aufhören, Fortschritt allein daran zu messen, welche Tätigkeit wir nicht mehr selbst erledigen müssen.

Manche Tätigkeiten waren tatsächlich nur Reibung. Andere waren Übungen, ohne dass wir wussten, dass wir übten.

Der eigentliche Verlust bestünde nicht darin, dass eine Maschine sie nun übernehmen kann. Er bestünde darin, ihren bildenden Wert erst zu bemerken, nachdem wir verlernt haben, sie selbst auszuüben.

Vielleicht ist deshalb gerade unsere Generation in einer ungewöhnlich glücklichen Lage. Wir kennen noch eine Welt vor der gegenwärtigen künstlichen Intelligenz und können zugleich beobachten, was mit ihr möglich wird. Wir müssen uns nicht entscheiden, welche der beiden Welten die richtige ist.

Wir können versuchen, das Beste aus beiden mitzunehmen.

Dann wären künstliche Intelligenz und die Medien vor ihr nicht immer neue Schichten, die den Menschen zwangsläufig von sich selbst entfernen. Sie wären ein immer größeres Instrumentarium, dessen Gebrauch selbst gelernt werden muss.

Die entscheidende Fähigkeit bestünde nicht länger darin, ein bestimmtes Medium meisterhaft zu beherrschen. Sie bestünde darin, zu wissen, welches Medium man wann zwischen sich und die Welt treten lässt und wann man besser ohne diese Vermittlung auskommt.

Vielleicht werden unsere Kinder einmal ebenso wenig verstehen, warum Programmierer ihre Identität daran gebunden haben, jede einzelne Zeile Code selbst zu schreiben, wie wir heute nachvollziehen können, warum ein Gelehrter den Verlust einer rein mündlichen Kultur als Bedrohung empfunden haben könnte.

Dann wird auch unsere gegenwärtige Kränkung historisch geglättet sein.

Gerade deshalb lohnt es sich, sie jetzt ernst zu nehmen. Nicht um den Wandel aufzuhalten, sondern um zu erkennen, was wir aus der alten Welt in die neue mitnehmen wollen.

Denn vielleicht sind es tatsächlich meine Gedanken, auch wenn es nicht mehr immer meine Worte sind.

Die wichtigere Frage ist, ob ich noch weiß, wie ein Gedanke in mir entsteht, bevor ich ihn von einer Maschine aussprechen lasse.