Es braucht nicht lange, um auf Plattformen wie Instagram oder YouTube bei Themen tiefer Einsicht auf Inhalte zu stoßen, die Abkürzungen zu den höchsten Geheimnissen, den verborgensten Ritualen oder den tiefsten Wahrheiten versprechen. Wer nach Philosophie sucht, bekommt die großen Wahrheiten des Lebens als die Geheimnisse der Stoiker in wenigen Minuten dargeboten, während bei der Spiritualität das Ziel nichts Geringeres als eine Anleitung zur Erleuchtung ist. Es scheint, als sei der Blick auf das Ende des Weges das Wesentliche geworden und nicht mehr der Weg selbst.
Dahinter liegt eine eigentümliche Verschiebung unseres Strebens. Der Wunsch, das Höchste zu erreichen, wird zunehmend durch den Wunsch ersetzt, Zugang zum Höchsten zu erhalten. Beides sieht von außen ähnlich aus, beruht aber auf zwei grundverschiedenen Bewegungen. Wer etwas erreichen möchte, stellt sich selbst in einen Prozess des Werdens, dessen Ausgang nicht vollständig vorhersehbar ist und in dessen Verlauf sich Fähigkeiten, Urteil und möglicherweise die eigene Person verändern. Wer lediglich Zugang sucht, möchte dagegen das Ergebnis einer solchen Entwicklung besitzen, ohne sich selbst in gleicher Weise ihrer Unsicherheit und ihren Anforderungen auszusetzen.
Gerade darin liegt eine konsumistische Haltung, die weit über den Umgang mit philosophischen oder spirituellen Fragen hinausreicht. Man möchte haben, weil man ist, anstatt zu werden, um etwas tragen zu können.
Das Streben nach dem Höchsten ist dabei keineswegs das Problem. Im Gegenteil kann darin etwas zutiefst Menschliches liegen. Wer versucht, die Grenzen seiner Fähigkeiten zu erweitern, ein Werk hervorzubringen, einen Gedanken weiterzuführen oder eine Form des Lebens zu erreichen, die ihm wahrer erscheint als seine gegenwärtige, richtet sich auf etwas aus, das über den unmittelbaren Zustand hinausweist. Wissenschaft, Kunst und Kultur wären ohne dieses Streben kaum denkbar.
Zwischen dem Wunsch, das Höchste hervorzubringen oder zu erreichen, und dem Wunsch, das Höchste zu konsumieren, besteht jedoch ein fundamentaler Unterschied.
Der eine verlangt Entwicklung, der andere beansprucht Besitz.
Diese Verschiebung lässt sich vielleicht gerade dort erkennen, wo es um die vermeintlich einfachsten Wahrheiten geht. Ein Satz wie „Sei einfach du selbst“ enthält auf der Ebene der Information nahezu nichts Neues. Natürlich bin ich ich selbst, wer sollte ich sonst sein? Sobald man den Satz jedoch ernst nimmt, öffnet sich hinter seiner scheinbaren Banalität eine Kluft, die kaum zu überbrücken scheint. Wie viel von dem, was ich für mich halte, entspricht den Erwartungen anderer? Wie viel meines Handelns dient der Anerkennung? Welche Überzeugungen habe ich selbst geprüft und welche lediglich übernommen? Welche meiner Wünsche sind tatsächlich meine eigenen und welche habe ich gelernt zu wünschen? Wer bleibt übrig, wenn Rollen, Status und Erwartungen wegfallen?
Die Schwierigkeit dieses Satzes liegt offensichtlich nicht in seinem Informationsgehalt.
Bereits in der griechischen Antike begegnet uns mit Gnōthi seauton, der Aufforderung, sich selbst zu erkennen, ein Gedanke von ähnlicher Einfachheit. Seit Jahrtausenden ist er öffentlich zugänglich, wurde wiederholt, kommentiert und philosophisch ausgelegt. Trotzdem hat seine Bekanntheit die Aufgabe der Selbsterkenntnis nicht wesentlich erleichtert. Man kann den Satz kennen, seine Herkunft erklären und seine philosophischen Deutungen studieren, ohne sich selbst dadurch auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein.
Vielleicht müssen wir deshalb genauer unterscheiden, wenn wir davon sprechen, etwas zu wissen.
Information erreicht uns zunächst von außen. Wissen entsteht, wenn wir Informationen einordnen, miteinander verbinden und in einen Zusammenhang stellen können. Erkenntnis beginnt dort, wo sich durch dieses Wissen unser Verständnis verändert und wir etwas sehen können, das uns vorher trotz aller verfügbaren Informationen verborgen blieb.
Doch selbst erlangte Erkenntnis ist noch nicht notwendig die intendierte Verwandlung.
Ein Mensch kann erkannt haben, wie sehr sein Handeln von fremder Anerkennung abhängt, und dennoch weitere Jahre nach dieser Anerkennung leben. Er kann die Begrenztheit seiner Lebenszeit verstehen und trotzdem handeln, als stünde sie ihm unbegrenzt zur Verfügung. Er kann wissen, dass Besitz, Status oder öffentliche Wahrnehmung seine inneren Konflikte nicht lösen werden, und dennoch sein Leben auf ihre Vermehrung ausrichten.
Zwischen Information, Wissen und Erkenntnis liegt deshalb keine bloße Steigerung der Menge. Es handelt sich um unterschiedliche Formen unseres Verhältnisses zur Welt und zu uns selbst. Je weiter wir uns von der Information zur Erkenntnis bewegen, desto weniger lässt sich der nächste Schritt einfach von außen hinzufügen.
Die entscheidenden Wahrheiten unseres Lebens scheinen deshalb häufig nicht daran zu scheitern, dass sie verborgen wären. Sie scheitern daran, dass wir ihren Gehalt noch nicht zu erkennen imstande sind.
Ein Gedanke kann vollkommen offen vor uns liegen und dennoch unzugänglich bleiben.
Darin liegt eine Form des Verborgenen, die grundlegend anders funktioniert als Geheimhaltung. Ein Geheimnis kann geschützt werden, indem man den Zugang zu einer Information beschränkt. Eine Erkenntnis kann dagegen verborgen bleiben, obwohl die Information frei verfügbar ist, weil demjenigen, der sie liest, noch jene Erfahrungen, Begriffe oder inneren Voraussetzungen fehlen, durch die sie überhaupt Bedeutung gewinnen könnte.
Derselbe Satz kann einem Menschen mit zwanzig und mit sechzig Jahren begegnen, ohne dass sich ein einziges Wort verändert hat, und dennoch kann er beim zweiten Mal etwas vollkommen anderes bedeuten. Nicht der Satz hat sich verändert. Der Mensch, der ihn liest, ist ein anderer geworden.
Vielleicht erklärt dies auch, warum die Vorstellung einer großen, bislang unbekannten Wahrheit so anziehend ist. Solange wir glauben können, dass uns lediglich eine entscheidende Information fehlt, bleibt die Ursache unserer Unzufriedenheit außerhalb unserer selbst. Irgendwo muss noch eine Antwort existieren, ein Buch, ein Lehrer, eine Methode, eine Erfahrung oder eine Erklärung, die endlich jene Veränderung hervorbringt, auf die wir warten.
Die Möglichkeit, dass wir die wesentlichen Informationen längst besitzen und vielmehr selbst noch nicht die Form angenommen haben, in der wir ihren Gehalt erkennen können, ist wesentlich unbequemer.
Sie verschiebt die Aufgabe von der Suche nach außen auf die Veränderung des eigenen Verhältnisses zur Welt.
Gerade diese Verschiebung scheint uns gegenwärtig immer schwerer zu fallen, weil sie einer Logik widerspricht, an die wir uns in vielen Lebensbereichen gewöhnt haben. Wir erwarten, dass Dinge verfügbar werden, sobald wir die notwendigen Mittel besitzen. Wer bezahlt, bestellt, abonniert oder sich Zugang verschafft, erhält das gewünschte Produkt. Der Vorgang setzt keine tiefere Veränderung des Käufers voraus. Das Smartphone verlangt nicht, dass wir ein anderer Mensch werden, bevor wir es besitzen dürfen. Eine Reise kann gebucht, ein Buch bestellt und eine technische Fähigkeit zunehmend durch Werkzeuge ergänzt werden, ohne dass der Zugang daran gebunden wäre, wer wir selbst geworden sind.
Diese Logik des Habens lässt sich leicht auf Bereiche übertragen, in denen sie nicht mehr funktioniert.
Man möchte außergewöhnliche Erfahrungen haben, anstatt sich für das Erfahren empfänglich zu machen. Man möchte tiefe Gedanken besitzen, anstatt sich von ihnen infrage stellen zu lassen. Man möchte Bedeutung haben, anstatt etwas Bedeutendes hervorzubringen. Man möchte senden, ohne etwas wesentliches beizutragen. Man möchte am Ende eines Weges stehen, ohne sich dem Werden auszusetzen, das diesem Ende überhaupt erst seinen Sinn verleiht.
Darin liegt die Flucht ins Höchste.
Sie ist keine Flucht vor hohen Ansprüchen, sondern kann gerade unter dem Anschein eines besonders hohen Anspruchs auftreten. Man interessiert sich für die tiefsten Wahrheiten, die außergewöhnlichsten Erfahrungen und die bedeutendsten Menschen und bleibt dabei möglicherweise vollkommen unangetastet von dem, was diese Dinge eigentlich verlangen würden.
Der Superlativ selbst ist dabei keineswegs zufällig. Unsere Wahrnehmung benötigt ihn.
Die Welt ist zu komplex, um sie in ihrer gesamten Auflösung erfassen zu können, weshalb wir gezwungen sind, sie zu verdichten. Fast jeder kennt die Zugspitze, doch deutlich weniger Menschen könnten den zweithöchsten Berg Deutschlands nennen. Wir erinnern uns an Olympiasieger und vergessen häufig diejenigen, die wenige Sekunden oder Zentimeter dahinter Silber gewonnen haben. Ganze geschichtliche Epochen werden in unserer Erinnerung durch einige wenige Namen repräsentiert, obwohl sie von Millionen Menschen getragen wurden. Wissenschaftliche Entwicklungen verbinden wir mit einzelnen Persönlichkeiten, gesellschaftliche Bewegungen mit einigen bekannten Vertretern und wirtschaftlichen Erfolg mit wenigen Unternehmen, die ihre jeweilige Kategorie dominieren.
Der Superlativ ist insofern eine Form geistiger Kompression, ohne die Orientierung kaum möglich wäre. Das Höchste, Größte, Erste und Bekannteste bildet Landmarken, anhand derer wir eine Wirklichkeit ordnen können, deren vollständige Komplexität unsere Wahrnehmung überfordern würde.
Die Reduktion selbst ist deshalb kein Fehler.
Problematisch wird sie, wenn die Landmarken, mit denen wir die Welt geistig strukturieren, zugleich zu Maßstäben unseres eigenen Lebens werden.
Dann beginnt Bekanntheit, Bedeutung zu ersetzen, während Rang und Wert miteinander verschmelzen. Was gesellschaftlich sichtbar ist, erscheint uns wertvoller als das Unsichtbare, und was bereits groß ist, zieht unsere Aufmerksamkeit stärker an als das, was erst entstehen könnte.
Vielleicht erklärt sich daraus ein weiterer Ausdruck derselben Bewegung. Viele Menschen möchten weniger etwas Großes aufbauen, als Teil von etwas bereits Großem werden.
Eine Karriere in einem bekannten Unternehmen kann selbstverständlich aus inhaltlichen Gründen attraktiv sein und Zugang zu außergewöhnlichen Menschen, Ressourcen und Aufgaben ermöglichen. Dennoch besitzt die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Institution noch eine zweite Wirkung. Der Name der Institution beginnt, einen Teil der Bedeutung der eigenen Person zu tragen.
Die Marke, die man vertritt, wird Bestandteil der Identität. Ein Amt verleiht seinem Träger institutionelles Gewicht, ein akademischer Titel gesellschaftliche Einordnung und die Zugehörigkeit zu einer renommierten Organisation einen Vorschuss an Anerkennung. Selbst nachdem diese Zugehörigkeit längst beendet ist, bleibt sie nicht selten Teil der Selbstdarstellung, wenn jemand Jahre später noch vor allem als ehemaliger Mitarbeiter eines besonders bekannten Unternehmens auftritt.
Daran ist zunächst nichts Unredliches. Institutionen können tatsächlich anspruchsvolle Auswahlprozesse haben, außergewöhnliche Erfahrungen ermöglichen und deshalb etwas über den Weg einer Person aussagen.
Eine Verschiebung beginnt erst dort, wo die Bedeutung der Institution nicht mehr Ausdruck des eigenen Weges ist, sondern zunehmend an dessen Stelle tritt.
Dann verleiht nicht mehr der Mensch dem Amt Gewicht, sondern das Amt soll dem Menschen Gewicht verleihen. Nicht die eigenen Fähigkeiten erklären, weshalb die Zugehörigkeit bedeutsam war, sondern die Zugehörigkeit soll als Ersatz für den Nachweis eigener Fähigkeiten dienen.
Man erhält Bedeutung gewissermaßen auf Kredit.
Diese geliehene Bedeutung besitzt einen entscheidenden Vorteil gegenüber der eigenen Hervorbringung von etwas Wertvollem. Sie ist bereits gesellschaftlich abgesichert.
Wer sich etwas Großem anschließt, tritt in eine Geschichte ein, deren Bedeutung andere längst bestätigt haben. Wer selbst etwas aufbaut, arbeitet möglicherweise jahrelang an etwas, das niemand kennt, dessen Erfolg ungewiss bleibt und dessen Wert sich erst im Nachhinein zeigen wird. Er muss bereit sein, Zeit und Kraft in etwas zu investieren, das ihm während eines großen Teils seiner Entstehung weder Status noch Anerkennung verleiht.
Gerade deshalb verlangt das Schaffen einen anderen inneren Zustand als das bloße Teilhaben.
Wer etwas aufbaut, muss handeln können, bevor die Außenwelt bestätigt, dass dieses Handeln sinnvoll ist. Er muss Bedeutung zuerst selbst wahrnehmen, bevor er sie von anderen zurückgespiegelt bekommt.
Der konsumistische Zugriff auf das Höchste kehrt dieses Verhältnis um. Er sucht bevorzugt dort nach Bedeutung, wo diese bereits sichtbar, bewertet und bestätigt wurde.
Damit entsteht eine paradoxe Situation. Wir richten uns auf das vermeintlich Höchste aus und überlassen gleichzeitig anderen die Entscheidung darüber, was dieses Höchste überhaupt sein soll.
Die äußere Orientierung am Superlativ kann damit gerade jene individuelle Suche verhindern, die der eigene innere Ruf hervorbringt.
Wer nur die Orte besucht, von denen bereits alle sagen, dass man sie gesehen haben müsse, reist möglicherweise sehr weit, ohne sich je wirklich vom Bekannten zu entfernen. Wer ausschließlich die Bücher liest, die bereits als die bedeutendsten gelten, kann eine beeindruckende Bibliothek besitzen und dennoch nie herausfinden, welche Fragen ihn selbst tatsächlich beschäftigen. Wer seine Karriere nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Institutionen ausrichtet, kann eine außergewöhnliche Laufbahn aufbauen und irgendwann feststellen, dass er nie untersucht hat, ob deren Ziele mit seinen eigenen übereinstimmen.
Die Aufforderung Gnōthi seauton erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Schärfe.
Sich selbst zu erkennen bedeutet dann nicht bloß, die eigenen Eigenschaften aufzählen zu können, sondern überhaupt erst unterscheiden zu lernen, welche Maßstäbe aus dem eigenen Verhältnis zur Welt hervorgehen und welche man lediglich übernommen hat.
Diese Aufgabe war vermutlich nie einfach, doch die Bedingungen der Gegenwart verleihen ihr eine neue Dringlichkeit.
Über weite Teile der Geschichte lagen zwischen einer Frage und ihrer Antwort natürliche Widerstände. Wer etwas erfahren wollte, musste einen Menschen finden, ein Buch beschaffen, eine Sprache lernen, an einen bestimmten Ort gelangen oder lange genug an einem Problem arbeiten, um überhaupt die richtige Frage formulieren zu können. Viele dieser Hindernisse waren ungerecht und dienten keineswegs einer höheren Form der Erkenntnis. Wissen war häufig an gesellschaftliche Stellung, Vermögen oder institutionelle Zugehörigkeit gebunden, weshalb der Abbau solcher Barrieren eine der großen Errungenschaften der Moderne darstellt.
Mit dem Verschwinden dieser Widerstände ging jedoch unbeabsichtigt auch etwas anderes verloren.
Zwischen Frage und Antwort lag Zeit.
Diese Zeit garantierte keine Erkenntnis, doch sie zwang den Fragenden häufig zu einer längeren Auseinandersetzung. Wer eine Antwort nicht sofort erhalten konnte, musste Annahmen bilden, eigene Versuche unternehmen, Widersprüche aushalten und mitunter lange in einem Zustand des Nichtwissens verbleiben.
Das Internet hat diese Distanz bereits erheblich verkürzt. Künstliche Intelligenz verändert sie noch einmal grundlegend, weil sie nicht nur Informationen zugänglich macht, sondern zunehmend auch deren Auswahl, Verbindung und sprachliche Aufbereitung übernimmt.
Ein Mensch kann heute innerhalb weniger Minuten eine verständliche Einführung in ein Thema erhalten, für dessen erste Erschließung vor wenigen Jahrzehnten noch mehrere Bücher notwendig gewesen wären. Er kann Gegenargumente formulieren lassen, fremdsprachige Quellen erschließen, komplizierte Begriffe erklären und große Mengen an Material auf die für ihn wesentlichen Punkte reduzieren lassen.
Diese Entwicklung besitzt ein enormes emanzipatorisches Potential, weil sie Barrieren senkt, die mit Erkenntnis selbst nichts zu tun haben.
Gleichzeitig verschärft sie den Unterschied zwischen Information und innerer Entwicklung.
Während sich die Geschwindigkeit des Informationszugangs in wenigen Generationen dramatisch erhöht hat, bleibt der Mensch in wesentlichen Bereichen an eine langsamere Zeit gebunden. Vertrauen entsteht nicht dadurch schneller, dass wir seine psychologischen Mechanismen kennen. Eine Beziehung gewinnt keine Tiefe, weil wir bessere Bücher über Beziehungen gelesen haben. Verantwortung lässt sich erklären, doch das Gewicht einer Entscheidung erfahren wir erst, wenn ihre Folgen tatsächlich auf uns zurückwirken.
Auch die Selbsterkenntnis lässt sich nicht beliebig beschleunigen.
Bestimmte Seiten unseres Charakters erkennen wir vielleicht erst in Situationen, die uns vorher nie begegnet sind. Manche Überzeugungen erscheinen uns selbstverständlich, bis die Wirklichkeit sie verletzt. Andere Einsichten benötigen Wiederholung, weil wir sie intellektuell längst verstanden haben, bevor wir in der Lage sind, ihnen entsprechend zu handeln.
Die äußere Beschleunigung unseres Wissens trifft damit auf eine innere Entwicklung, die sich nur begrenzt beschleunigen lässt.
Gerade aus diesem Missverhältnis kann die Versuchung entstehen, immer weiter im Außen zu suchen. Wenn die letzte Information keine Veränderung hervorgebracht hat, muss offenbar eine tiefere folgen. Wenn die bisherige Erfahrung nicht genügt hat, muss die nächste außergewöhnlicher sein. Wenn das gelesene Buch keine Klarheit gebracht hat, braucht es ein radikaleres.
Die Intensität der Suche wächst, während die Richtung unverändert bleibt.
Vielleicht besteht die eigentliche Flucht gerade darin.
Wir fliehen nicht vor Erkenntnis, indem wir sie ablehnen, sondern indem wir unablässig nach weiterer Erkenntnis suchen und uns dadurch der Auseinandersetzung mit dem entziehen, was wir bereits erkannt haben könnten.
Das Neue besitzt dabei einen unschätzbaren Vorteil. Es stellt noch keine Forderung an uns.
Eine neue Idee kann begeistern, bevor sie unser Verhalten berührt. Eine bestehende Erkenntnis dagegen kann unangenehm werden, sobald sie Konsequenzen verlangt. Solange wir uns mit der nächsten Wahrheit beschäftigen, müssen wir noch nicht untersuchen, warum die vorherige keine Veränderung bewirkt hat.
Dies bedeutet nicht, dass Antworten absichtlich zurückgehalten oder Schwierigkeiten künstlich erhalten werden sollten. Eine romantische Verklärung des Widerstands wäre ebenso fehlgeleitet wie seine vollständige Ablehnung. Nicht jede Mühe bildet, nicht jedes Leiden führt zu Tiefe und nicht jeder Umweg besitzt einen eigenen Wert.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Teile eines Weges bloß Hindernisse darstellen und welche Teile den Menschen hervorbringen, der am Ende überhaupt verstehen kann, wonach er gesucht hat.
Wer Mathematik lernen möchte, gewinnt wenig dadurch, eine längst gelöste Aufgabe künstlich schwer zugänglich zu machen. Wenn er jedoch jede Aufgabe sofort von einem System lösen lässt, verliert er möglicherweise gerade jene Auseinandersetzung, durch die mathematische Intuition entsteht. Wer ein fremdes Land verstehen möchte, muss nicht unnötig auf moderne Verkehrsmittel verzichten, doch er wird wenig über dessen Menschen erfahren, wenn er lediglich eine Liste berühmter Sehenswürdigkeiten abarbeitet. Wer sich mit Philosophie beschäftigt, muss nicht jeden Gedanken neu erfinden, aber er verliert etwas Wesentliches, wenn die Gedanken anderer nur noch als fertige Antworten konsumiert werden.
Die entscheidende Fähigkeit einer Gesellschaft mit nahezu unbegrenztem Zugang zu Information könnte deshalb darin bestehen, unterscheiden zu lernen, wann eine Abkürzung tatsächlich Befreiung bedeutet und wann sie einen Teil jener Entwicklung überspringt, um derentwillen man sich überhaupt auf den Weg gemacht hat.
Damit kehrt die Frage nach dem Höchsten in veränderter Form zurück.
Vielleicht besteht das Höchste nicht in einem Gegenstand, den man besitzen, einer Information, die man kennen, oder einem Status, den man erreichen kann. Vielleicht bezeichnet es vielmehr eine Richtung des Werdens.
Dann wäre die Frage nicht mehr, wie man möglichst schnell an das Beste gelangt, sondern welche Veränderung notwendig ist, um überhaupt erkennen zu können, worin das Beste besteht.
Diese Verschiebung ist entscheidend, weil sie das Verhältnis zwischen Mensch und Ziel umkehrt.
In einer konsumistischen Vorstellung bleibt der Mensch im Wesentlichen derselbe, während sich die Qualität dessen steigert, was er besitzt, erlebt oder weiß. Er erhält bessere Dinge, seltenere Erfahrungen, tiefere Informationen und größere Möglichkeiten.
In einer Vorstellung des Werdens verändert sich dagegen der Mensch selbst.
Vielleicht braucht er danach manche Dinge nicht mehr, die ihm zuvor unverzichtbar erschienen. Vielleicht verliert ein Status seinen Reiz, sobald er nicht mehr zur Stabilisierung der eigenen Identität benötigt wird. Vielleicht erscheint eine Wahrheit, die früher banal wirkte, plötzlich tief, während eine vermeintlich geheime Erkenntnis ihren Zauber verliert.
Der Weg zum Höchsten wäre dann paradoxerweise kein Weg zu immer außergewöhnlicheren Gegenständen, sondern zu einer veränderten Fähigkeit, das Gewöhnliche überhaupt zu sehen.
Vielleicht erklärt dies, weshalb manche der ältesten philosophischen Aufforderungen so unspektakulär erscheinen.
Erkenne dich selbst.
Prüfe dein Leben.
Lerne zu unterscheiden, was in deiner Macht liegt und was nicht.
Solche Sätze besitzen wenig von der Aura verborgener Erkenntnis. Ihre Schwierigkeit besteht gerade darin, dass sie nichts verbergen.
Wir können sie lesen, verstehen und wiederholen, ohne dass irgendetwas geschieht.
Ihr Gehalt erschließt sich erst in dem Maße, in dem wir selbst fähig werden, ihn zu erkennen.
Vielleicht liegt darin die Grenze einer Kultur, die gelernt hat, nahezu alles zugänglich zu machen. Sie kann uns Informationen bereitstellen, Wissen ordnen und zunehmend sogar dabei helfen, Zusammenhänge zu erkennen. Sie kann uns jedoch nicht davon entbinden, zu dem Menschen zu werden, für den eine Erkenntnis mehr ist als ein Satz.
Das Höchste erreichen zu wollen, bleibt deshalb ein ehrenwertes Streben.
Das Höchste lediglich konsumieren zu wollen, kann dagegen zur Flucht werden, wenn wir hoffen, seine Bedeutung möge auf uns übergehen, ohne dass wir selbst uns verändern müssen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger danach fragen, welche Wahrheit uns noch fehlt.
Die wesentlich schwierigere Frage lautet, welche längst bekannte Wahrheit wir noch nicht zu erkennen imstande sind, weil wir selbst noch nicht derjenige geworden sind, der sie sehen kann.