Es braucht nicht lange, um auf Plattformen wie Instagram oder YouTube bei Themen tiefer Einsicht auf Inhalte zu stoßen, die Abkürzungen zu den höchsten Geheimnissen, den verborgensten Ritualen oder den tiefsten Wahrheiten versprechen. Wer nach Philosophie sucht, bekommt die großen Wahrheiten des Lebens als die Geheimnisse der Stoiker in wenigen Minuten dargeboten, während bei der Spiritualität das Ziel nicht selten in unmittelbarer Nähe zur Erleuchtung angesiedelt wird. Es scheint, als richte sich der Blick bevorzugt auf das Ende des Weges und weniger auf den Weg selbst.

Darin liegt zunächst sogar etwas Erfreuliches. Offenbar ist das Bedürfnis, mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren, keineswegs verschwunden. Menschen lesen weiterhin lange Bücher, lernen Sprachen, treiben Sport, erlernen Handwerke, widmen sich religiösen und philosophischen Fragen oder verlieren sich über Jahre in Spezialgebieten, deren Nutzen sich kaum einem Außenstehenden erschließt. Die Sehnsucht nach Entwicklung ist nicht das Problem.

Verändert haben sich vielmehr die Bedingungen, unter denen ihr begegnet wird.

Noch nie war es so einfach, an die Ergebnisse fremder Denkwege zu gelangen. Gedanken, deren Entwicklung Jahre beanspruchte, lassen sich innerhalb weniger Minuten zusammenfassen. Philosophische Systeme können auf ihre wesentlichen Begriffe reduziert, lange Debatten in wenigen Absätzen überblickt und komplizierte Zusammenhänge so aufbereitet werden, dass sie beinahe selbstverständlich erscheinen. Künstliche Intelligenz steigert diese Möglichkeit noch einmal, weil sie nicht nur Informationen auffindbar macht, sondern sie bereits ordnet, miteinander verbindet und auf die jeweilige Frage zuschneidet.

Mit dieser Verfügbarkeit entsteht eine eigentümliche Versuchung. Je leichter der Zugang zu einer Einsicht wird, desto leichter lässt sich der Zugang mit ihrer Aneignung verwechseln.

Der Wunsch, das Höchste zu erreichen, kann sich dadurch unmerklich in den Wunsch verschieben, Zugang zum Höchsten zu erhalten. Beides sieht von außen ähnlich aus, weil sich in beiden Fällen jemand auf etwas richtet, das über seinen gegenwärtigen Zustand hinausweist. Der Unterschied liegt darin, was auf dem Weg mit dem Menschen selbst geschieht. Wer etwas erreichen möchte, stellt sich in einen Prozess des Werdens, dessen Ausgang nicht vollständig vorhersehbar ist und in dessen Verlauf sich Fähigkeiten, Urteil und möglicherweise auch die eigenen Maßstäbe verändern. Wer lediglich Zugang sucht, möchte dagegen das Ergebnis einer solchen Entwicklung besitzen, ohne sich in gleicher Weise ihrer Unsicherheit auszusetzen.

Gerade darin liegt eine konsumistische Haltung, die weit über den materiellen Konsum hinausreicht. Man möchte haben, weil man ist, anstatt zu werden, um etwas tragen zu können.

Das Streben nach dem Höchsten ist dabei keineswegs das Problem. Im Gegenteil kann darin etwas zutiefst Menschliches und Ehrenwertes liegen. Wer versucht, die Grenzen seiner Fähigkeiten zu erweitern, ein Werk hervorzubringen, einen Gedanken weiterzuführen oder eine Form des Lebens zu erreichen, die ihm wahrer erscheint als seine gegenwärtige, richtet sich auf etwas aus, das über den unmittelbaren Zustand hinausweist. Wissenschaft, Kunst und Kultur wären ohne dieses Streben kaum denkbar.

Zwischen dem Wunsch, das Höchste hervorzubringen oder zu erreichen, und dem Wunsch, das Höchste zu konsumieren, besteht jedoch ein fundamentaler Unterschied.

Der eine verlangt Entwicklung, der andere beansprucht Besitz.

Dabei wäre es falsch, Konsum selbst zum Problem zu erklären. Die Möglichkeit, auswählen zu können, mobil zu sein, Dinge zur Unterhaltung zu besitzen und sich Komfort leisten zu können, ist historisch betrachtet eine große Errungenschaft. Der weitaus größte Teil der Menschheitsgeschichte war von Mangel geprägt, und es wäre eine eigentümliche Form der Undankbarkeit, gerade die Überwindung dieses Mangels zum moralischen Verfall umzudeuten.

Problematisch wird die Logik des Konsums dort, wo sie auf Dinge übertragen wird, deren Gehalt sich nicht im Besitz erschöpft.

Man kann ein Buch kaufen, aber nicht auf dieselbe Weise seine Einsicht. Man kann eine Reise buchen, aber nicht die Erfahrung, die man sich von ihr verspricht. Man kann einer angesehenen Institution beitreten, aber nicht notwendig die Bedeutung erwerben, die man mit ihr verbindet. Und man kann einen tiefen Gedanken innerhalb weniger Sekunden lesen, ohne deshalb bereits das Verhältnis zur Welt entwickelt zu haben, aus dem er hervorgegangen ist.

Diese Verschiebung lässt sich vielleicht gerade dort erkennen, wo es um die vermeintlich einfachsten Wahrheiten geht. Ein Satz wie „Sei einfach du selbst“ enthält auf der Ebene der Information nahezu nichts Neues. Natürlich bin ich ich selbst, wer sollte ich sonst sein? Sobald man den Satz jedoch ernst nimmt, öffnet sich hinter seiner scheinbaren Banalität eine Kluft. Wie viel von dem, was ich für mich halte, entspricht den Erwartungen anderer? Wie viel meines Handelns dient der Anerkennung? Welche Überzeugungen habe ich selbst geprüft und welche lediglich übernommen? Welche meiner Wünsche sind aus meinem eigenen Verhältnis zur Welt entstanden und welche habe ich so vollständig verinnerlicht, dass ihr fremder Ursprung gar nicht mehr sichtbar ist?

Die Frage führt allerdings nicht notwendig zu einem verborgenen, unverfälschten Selbst, das irgendwo unter allen gesellschaftlichen Einflüssen darauf wartet, freigelegt zu werden. Ein solches Selbst gibt es möglicherweise gar nicht. Wir entstehen durch Familie, Sprache, Kultur, Vorbilder, Erfahrungen, Zufälle und Beziehungen zu anderen Menschen. Selbst die Begriffe, mit denen wir über uns nachdenken, haben wir nicht selbst erfunden.

Selbsterkenntnis bestünde dann weniger darin, das Eigene vollständig vom Übernommenen zu trennen, als darin, ein bewussteres Verhältnis zu dem zu entwickeln, was uns geprägt hat. Nicht jeder fremde Einfluss ist eine Verfälschung. Entscheidend ist vielmehr, ob wir überhaupt noch erkennen können, nach welchen Maßstäben wir leben und ob wir diese Maßstäbe weiterhin bejahen.

Bereits in der griechischen Antike begegnet uns mit Gnōthi seauton, der Aufforderung, sich selbst zu erkennen, ein Gedanke von bemerkenswerter Einfachheit. Seit Jahrtausenden ist er öffentlich zugänglich, wurde wiederholt, kommentiert und philosophisch ausgelegt. Trotzdem hat seine Bekanntheit die Aufgabe der Selbsterkenntnis nicht wesentlich erleichtert.

Man kann den Satz kennen, seine Herkunft erklären und seine philosophischen Deutungen studieren, ohne dadurch zu wissen, wie weit das eigene Leben tatsächlich von übernommenen Erwartungen bestimmt wird.

Vielleicht müssen wir deshalb genauer unterscheiden, wenn wir davon sprechen, etwas zu wissen.

Information erreicht uns zunächst von außen. Wissen entsteht, wenn wir Informationen einordnen, miteinander verbinden und in Zusammenhänge stellen können. Erkenntnis beginnt dort, wo sich dadurch unser Verständnis verändert und etwas sichtbar wird, das trotz aller zuvor verfügbaren Informationen nicht gesehen wurde.

Zwischen diesen Ebenen liegt keine bloße Steigerung der Menge.

Eine Frau kann zahllose Bücher über Schwangerschaft, Geburt und Erziehung lesen, mit Müttern sprechen und sich sehr bewusst darauf vorbereiten, was Mutterschaft bedeutet. Sie kann darüber weit mehr wissen als manche Frau, die bereits ein Kind hat. Trotzdem kann sie nicht aus eigener Erfahrung wissen, wie es ist, Mutter zu sein, bevor sie es geworden ist. Mit diesem Werden verändert sich nicht nur ihr Informationsstand. Verantwortung, Zeit, Beziehung und möglicherweise sogar das eigene Selbstverständnis erhalten einen Gehalt, der vorher nur vorgestellt werden konnte.

Ähnliches gilt für Verlust, Liebe, Macht, Scheitern oder Verantwortung. Man kann viel über sie wissen, bevor man ihnen selbst begegnet, und dieses Wissen kann wertvoll sein. Dennoch verändern manche Erfahrungen die Begriffe, mit denen wir anschließend über dieselben Dinge sprechen.

Erkenntnis darf dabei nicht zu einer Rangordnung von Menschen werden. Wer lange gelebt oder viel durchgemacht hat, besitzt deshalb keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit, und jemand kann Jahrzehnte über eine Frage nachdenken und dennoch irren. Ebenso kann ein junger Mensch etwas klar erkennen, woran ein älterer ein Leben lang vorbeisieht. Erfahrung garantiert keine Wahrheit.

Sie verändert aber mitunter, was überhaupt sichtbar werden kann.

Die entscheidenden Wahrheiten unseres Lebens scheinen deshalb häufig nicht daran zu scheitern, dass sie verborgen wären. Sie können vollkommen offen vor uns liegen und uns dennoch unzugänglich bleiben, weil wir ihren Gehalt noch nicht zu erkennen imstande sind.

Darin liegt eine Form des Verborgenen, die grundlegend anders funktioniert als Geheimhaltung. Ein Geheimnis kann geschützt werden, indem man den Zugang zu einer Information beschränkt. Eine Erkenntnis kann dagegen verborgen bleiben, obwohl die Information frei verfügbar ist.

Derselbe Satz kann einem Menschen zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens begegnen, ohne dass sich ein einziges Wort verändert hat, und dennoch kann er beim zweiten Mal etwas vollkommen anderes bedeuten. Nicht weil der Satz tiefer geworden wäre, sondern weil derjenige, der ihn liest, inzwischen andere Erfahrungen gemacht, andere Fragen gestellt und vielleicht auch andere Illusionen verloren hat.

Vielleicht erklärt gerade dies, weshalb die Vorstellung einer großen, bislang unbekannten Wahrheit so anziehend ist. Solange wir glauben können, dass uns lediglich eine entscheidende Information fehlt, bleibt die Ursache unserer Unklarheit außerhalb unserer selbst. Irgendwo muss noch ein Buch, ein Lehrer, eine Methode oder eine Erfahrung existieren, die endlich jene Veränderung hervorbringt, auf die wir warten.

Die Möglichkeit, dass wir manche wesentlichen Informationen längst besitzen und die eigentliche Arbeit erst danach beginnt, ist wesentlich unbequemer.

Wer erkannt hat, dass sein Handeln stark von fremder Anerkennung abhängt, ist dadurch noch nicht frei von dieser Anerkennung. Wer die Begrenztheit seiner Lebenszeit verstanden hat, lebt deshalb noch nicht anders. Wer erkannt hat, dass Status einen inneren Mangel nicht dauerhaft ausgleichen kann, kann sein Leben trotzdem weiter auf dessen Vermehrung ausrichten.

Eine Erkenntnis ist noch keine Verwandlung.

An dieser Stelle beginnt das Werden.

Unsere gegenwärtige Informationsumgebung macht diesen Unterschied besonders sichtbar, weil sie uns immer häufiger erlaubt, das Ergebnis eines Erkenntnisweges zu betrachten, ohne den Weg selbst gegangen zu sein. Darin liegt eine neue Möglichkeit, aber auch eine neue Versuchung. Nicht weil der heutige Mensch grundsätzlich oberflächlicher wäre als frühere Generationen, sondern weil ihm Abkürzungen zur Verfügung stehen, die früher schlicht nicht existierten.

Der Modus des Konsums liegt dabei nahe. Wir sind daran gewöhnt, dass Dinge verfügbar werden, sobald die notwendigen Mittel vorhanden sind. Wer bezahlt, bestellt oder sich Zugang verschafft, erhält das gewünschte Produkt. Das Smartphone verlangt keine innere Wandlung von seinem Besitzer, und ein Flugticket prüft nicht, ob der Reisende bereit für die Fremde ist.

Diese Logik funktioniert außerordentlich gut, solange es tatsächlich um verfügbare Güter geht.

Sie stößt dort an eine Grenze, wo der Wert einer Sache im Verhältnis liegt, das ein Mensch zu ihr entwickelt.

Man möchte dann außergewöhnliche Erfahrungen haben, anstatt sich für das Erfahren empfänglich zu machen. Man möchte tiefe Gedanken besitzen, anstatt sie lange genug an sich heranzulassen, damit sie das eigene Denken irritieren können. Man möchte Bedeutung haben, anstatt etwas Bedeutendes hervorzubringen. Man möchte am Ende eines Weges stehen, während gerade der Weg denjenigen hervorbringen würde, für den dieses Ende überhaupt Bedeutung besitzt.

Darin liegt die Flucht ins Höchste.

Sie ist keine Flucht vor hohen Ansprüchen. Im Gegenteil kann sie unter dem Anschein eines besonders hohen Anspruchs auftreten. Man interessiert sich für die tiefsten Wahrheiten, die außergewöhnlichsten Erfahrungen und die bedeutendsten Menschen und bleibt dabei möglicherweise vollkommen unangetastet von dem, was diese Dinge eigentlich verlangen würden.

Dass uns gerade das Höchste so sehr anzieht, ist allerdings nicht bloß eine Folge des Konsumismus. Der Superlativ erfüllt eine wichtige Funktion unserer Wahrnehmung.

Die Welt ist zu komplex, um sie in ihrer gesamten Auflösung erfassen zu können. Wir müssen sie verdichten. Fast jeder kennt die Zugspitze, doch deutlich weniger Menschen könnten den zweithöchsten Berg Deutschlands nennen. Wir erinnern uns an Olympiasieger und vergessen diejenigen, die wenige Sekunden oder Zentimeter dahinter Silber gewonnen haben. Ganze geschichtliche Epochen werden in unserer Erinnerung durch einige wenige Namen repräsentiert, obwohl sie von Millionen Menschen getragen wurden.

Der Superlativ ist eine Form geistiger Kompression. Das Höchste, Größte, Erste und Bekannteste bildet Landmarken, anhand derer wir eine Wirklichkeit ordnen können, deren vollständige Komplexität unsere Wahrnehmung überfordern würde.

Diese Reduktion ist notwendig.

Schwierig wird sie, wenn die Landmarken, mit denen wir die Welt strukturieren, zugleich zu Maßstäben unseres eigenen Wertes werden.

Dann beginnt Bekanntheit, Bedeutung zu ersetzen, während Rang und Wert miteinander verschmelzen. Was gesellschaftlich bereits sichtbar ist, zieht unsere Aufmerksamkeit stärker an als das, was erst entstehen könnte.

Vielleicht erklärt dies, weshalb es attraktiv sein kann, Teil von etwas bereits Großem zu werden, statt selbst etwas aufzubauen, dessen Bedeutung noch vollkommen ungewiss ist.

Eine Karriere in einem bekannten Unternehmen kann selbstverständlich aus inhaltlichen Gründen erstrebenswert sein und Zugang zu außergewöhnlichen Menschen, Ressourcen und Aufgaben ermöglichen. Zugleich besitzt die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Institution eine zweite Wirkung. Der Name der Institution beginnt, einen Teil der Bedeutung der eigenen Person zu tragen.

Die Marke, die man vertritt, wird Bestandteil der Identität. Ein Amt verleiht seinem Träger institutionelles Gewicht, ein akademischer Titel gesellschaftliche Einordnung und die Zugehörigkeit zu einer renommierten Organisation einen Vorschuss an Anerkennung. Selbst nachdem diese Zugehörigkeit beendet ist, bleibt sie bisweilen Teil der Selbstbeschreibung, wenn jemand noch Jahre später vor allem als ehemaliger Mitarbeiter eines besonders bekannten Unternehmens auftritt.

Darin muss nichts Unredliches liegen. Institutionen können anspruchsvolle Auswahlprozesse besitzen und außergewöhnliche Erfahrungen ermöglichen. Eine frühere Position kann tatsächlich etwas über den Weg eines Menschen aussagen.

Interessant wird das Verhältnis dort, wo die Bedeutung der Institution zunehmend an die Stelle der eigenen tritt.

Dann verleiht nicht mehr der Mensch dem Amt Gewicht, sondern das Amt soll dem Menschen Gewicht verleihen. Die Zugehörigkeit wird vom Ausdruck des eigenen Weges zu seinem Ersatz.

Man erhält Bedeutung gewissermaßen auf Kredit.

Diese geliehene Bedeutung besitzt einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Hervorbringung von etwas Eigenem. Sie ist bereits gesellschaftlich abgesichert.

Wer sich etwas Großem anschließt, tritt in eine Geschichte ein, deren Bedeutung andere längst bestätigt haben. Wer etwas aufbaut, arbeitet möglicherweise jahrelang an etwas, das niemand kennt, dessen Erfolg ungewiss bleibt und dessen Wert sich erst im Nachhinein zeigen wird. Während eines großen Teils seiner Entstehung verleiht es weder Status noch Anerkennung.

Wer etwas aufbaut, muss deshalb Bedeutung wahrnehmen können, bevor sie ihm von außen bestätigt wird.

Der konsumistische Zugriff auf das Höchste kehrt dieses Verhältnis um. Er sucht bevorzugt dort nach Bedeutung, wo diese bereits sichtbar, bewertet und bestätigt wurde. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation. Wir richten uns auf das vermeintlich Höchste aus und überlassen gleichzeitig anderen die Entscheidung darüber, was dieses Höchste überhaupt sein soll.

Die äußere Orientierung am Superlativ kann so gerade jene individuelle Suche überdecken, die sie scheinbar ausdrückt.

Wer nur die Orte besucht, von denen alle sagen, dass man sie gesehen haben müsse, kann sehr weit reisen, ohne sich je wirklich vom Bekannten zu entfernen. Wer nur die Bücher liest, die bereits als die bedeutendsten gelten, kann eine beeindruckende Bibliothek besitzen und dennoch nie herausfinden, welche Fragen ihn selbst tatsächlich beschäftigen. Wer seine Laufbahn allein nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Institutionen ausrichtet, kann weit kommen und irgendwann feststellen, dass er kaum untersucht hat, ob deren Ziele mit seinen eigenen übereinstimmen.

Gnōthi seauton erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Schärfe.

Sich selbst zu erkennen bedeutet dann nicht, ein völlig unabhängiges Selbst unter allen gesellschaftlichen Einflüssen freizulegen. Es bedeutet, die Herkunft der eigenen Maßstäbe wenigstens so weit sichtbar werden zu lassen, dass man sich zu ihnen verhalten kann.

Diese Aufgabe war vermutlich nie einfach. Unsere Gegenwart macht sie nicht grundsätzlich unmöglicher, aber sie schafft neue Bedingungen dafür.

Über weite Teile der Geschichte lagen zwischen einer Frage und ihrer Antwort erhebliche Widerstände. Wer etwas erfahren wollte, musste einen Menschen finden, ein Buch beschaffen, eine Sprache lernen oder lange genug an einem Problem arbeiten, um überhaupt die richtige Frage formulieren zu können. Viele dieser Hindernisse waren nichts anderes als Mangel. Wissen war an Vermögen, Herkunft oder institutionelle Zugehörigkeit gebunden, und die Beseitigung solcher Barrieren gehört zu den großen Errungenschaften moderner Gesellschaften.

Mit dem Verschwinden dieser Widerstände ging jedoch unbeabsichtigt auch etwas anderes verloren.

Zwischen Frage und Antwort lag Zeit.

Diese Zeit garantierte keine Erkenntnis und sollte nicht romantisiert werden. Niemand wurde weiser, weil ein Buch schwer erhältlich war. Dennoch blieb ein Thema länger beim Fragenden. Eine offene Frage konnte ihn über Tage oder Wochen begleiten, sich mit anderen Erfahrungen verbinden und ihre Form verändern, bevor die nächste Information eintraf.

Wer einem Buch wochenlang nachging, tat in dieser Zeit möglicherweise etwas, das im späteren Ergebnis kaum sichtbar war. Er lebte mit der Frage.

Das Thema wurde allmählich inkorporiert.

Vielleicht waren der Erwerb von Wissen und die Reifung während dieses Erwerbs lange so eng miteinander verbunden, dass wir beide für denselben Vorgang hielten. Wenn jemand zehn Jahre brauchte, um ein Gebiet wirklich zu beherrschen, lag es nahe anzunehmen, seine gewachsene Urteilskraft sei allein das Ergebnis der in dieser Zeit angesammelten Informationen.

Vielleicht entstand ein Teil davon aber auch dadurch, dass er zehn Jahre lang mit denselben Fragen gelebt hatte.

Das Internet hat die Distanz zwischen Frage und Antwort bereits erheblich verkürzt. Künstliche Intelligenz löst sie teilweise fast vollständig auf. Sie kann nicht nur Informationen zugänglich machen, sondern Gegenpositionen formulieren, fremdsprachige Quellen erschließen, komplizierte Begriffe erklären und umfangreiches Material auf eine konkrete Frage zuschneiden.

Das besitzt ein enormes emanzipatorisches Potenzial.

Gleichzeitig trennt es zwei Prozesse voneinander, die früher oft gemeinsam abliefen. Ein Mensch kann sich heute innerhalb weniger Stunden einen Informationsstand erarbeiten, für dessen Erwerb früher Wochen notwendig gewesen wären, ohne deshalb Wochen mit dem Gegenstand gelebt zu haben.

Unsere äußere Geschwindigkeit hat sich verändert.

Unsere innere Zeit nur begrenzt.

Vertrauen entsteht nicht dadurch schneller, dass wir seine psychologischen Mechanismen kennen. Eine Beziehung gewinnt keine Tiefe, weil wir mehr über Beziehungen gelesen haben. Verantwortung lässt sich erklären, doch das Gewicht einer Entscheidung erfahren wir erst, wenn ihre Folgen tatsächlich auf uns zurückwirken. Manche Seiten unseres Charakters werden erst in Situationen sichtbar, denen wir zuvor nie begegnet sind.

Gerade aus diesem Missverhältnis kann die Versuchung entstehen, immer weiter im Außen zu suchen. Wenn die letzte Information keine Veränderung hervorgebracht hat, scheint eine tiefere notwendig zu sein. Wenn die bisherige Erfahrung nicht genügt hat, muss die nächste außergewöhnlicher werden. Wenn ein Buch keine Klarheit brachte, braucht es vielleicht ein radikaleres.

Die Intensität der Suche wächst, während ihre Richtung unverändert bleibt.

Hier erreicht die Flucht ins Höchste ihren eigentlichen Kern.

Wir können uns der Auseinandersetzung mit einer Erkenntnis gerade dadurch entziehen, dass wir unablässig nach weiteren Erkenntnissen suchen.

Das Neue besitzt einen großen Vorteil. Es hat noch keine Geschichte mit uns und stellt deshalb zunächst keine Forderung. Eine neue Idee kann faszinieren, bevor sie unser Verhalten berührt. Eine Einsicht, deren Konsequenzen längst sichtbar geworden sind, besitzt diese Unschuld nicht mehr.

Wer erkannt hat, dass eine bestimmte Lebensweise seinen eigenen Maßstäben widerspricht, steht irgendwann vor einer Entscheidung, die durch ein weiteres Buch nicht aufgehoben wird.

Die Frage nach dem Weg lässt sich deshalb nicht darauf reduzieren, Schwierigkeiten möglichst lange zu bewahren. Nicht jeder Umweg bildet, nicht jede Mühe besitzt einen eigenen Wert und nicht jedes Leiden führt zu Tiefe. Viele Abkürzungen sind echte Befreiungen.

Entscheidend ist, welche Teile eines Weges bloß Hindernisse darstellen und welche Teile den Menschen hervorbringen, der am Ende überhaupt verstehen kann, wonach er gesucht hat.

Wer Mathematik lernen möchte, gewinnt wenig dadurch, eine längst gelöste Aufgabe künstlich schwer zugänglich zu machen. Wenn er jedoch jede Aufgabe lösen lässt, bevor er selbst an ihr gearbeitet hat, kann ihm genau jene Auseinandersetzung fehlen, durch die mathematische Intuition entsteht.

Wer ein fremdes Land verstehen möchte, muss nicht zu Fuß durch das Hinterland reisen. Auch die Zahl der besuchten Orte sagt wenig darüber aus, wie weit er sich tatsächlich auf deren Menschen, ihre Bräuche und ihre Lebensweisen eingelassen hat.

Und wer sich mit Philosophie beschäftigt, muss keineswegs jeden Gedanken neu erfinden. Er verliert jedoch einen wesentlichen Teil der Sache, wenn Gedanken nur noch als fertige Antworten auftreten und niemals Anlass für eigene Fragen werden.

Die Fähigkeit, die eine nahezu unbegrenzte Informationsverfügbarkeit verlangt, besteht deshalb vielleicht weniger darin, Abkürzungen abzulehnen, als ihre verschiedenen Arten unterscheiden zu lernen.

Manche entfernen lediglich Reibung.

Andere überspringen einen Teil des Werdens, um dessentwillen man sich überhaupt auf den Weg gemacht hat.

Damit kehrt die Frage nach dem Höchsten in veränderter Form zurück.

Vielleicht bezeichnet das Höchste weniger einen Gegenstand, den man besitzen, eine Information, die man kennen, oder einen Status, den man erreichen kann, als eine Richtung des Werdens.

Dann verändert sich auch die Frage. Sie lautet nicht länger nur, wie man möglichst schnell an das Beste gelangt, sondern welche Veränderung notwendig ist, um überhaupt beurteilen zu können, worin das Beste für einen selbst besteht.

Das ist ein kleiner Unterschied mit weitreichenden Folgen.

In einer konsumistischen Vorstellung bleibt der Mensch im Wesentlichen derselbe, während sich die Qualität dessen steigert, was er besitzt, erlebt und weiß. Bessere Dinge, seltenere Erfahrungen, tiefere Informationen und größere Möglichkeiten sammeln sich um ein weitgehend unverändertes Zentrum.

Im Prozess des Werdens kann sich dagegen gerade dieses Zentrum verschieben.

Manches, was zuvor unverzichtbar erschien, verliert seine Bedeutung. Ein Status kann uninteressant werden, sobald er nicht mehr zur Stabilisierung der eigenen Identität benötigt wird. Eine Wahrheit, die früher banal erschien, kann plötzlich Tiefe gewinnen, während eine vermeintlich außergewöhnliche Erkenntnis ihren Zauber verliert.

Der Weg zum Höchsten wäre dann paradoxerweise kein Weg zu immer außergewöhnlicheren Gegenständen, sondern zu einer veränderten Fähigkeit, das Gewöhnliche überhaupt zu sehen.

Vielleicht erklärt dies, weshalb manche der ältesten philosophischen Aufforderungen so unspektakulär erscheinen.

Erkenne dich selbst.

Prüfe dein Leben.

Lerne zu unterscheiden, was in deiner Macht liegt und was nicht.

Solche Sätze besitzen wenig von der Aura verborgener Erkenntnis. Ihre Schwierigkeit besteht gerade darin, dass sie nichts verbergen.

Man kann sie lesen, verstehen und wiederholen, ohne dass irgendetwas geschieht.

Ihr Gehalt erschließt sich nicht notwendig demjenigen, der die meisten Informationen über sie besitzt, sondern demjenigen, für den sie irgendwann mehr geworden sind als Information.

Das Höchste erreichen zu wollen, bleibt deshalb ein ehrenwertes Streben.

Das Höchste konsumieren zu wollen, kann dagegen zur Flucht werden, wenn wir hoffen, seine Bedeutung könne durch bloßen Zugang auf uns übergehen.

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich weniger danach fragen, welche Wahrheit uns noch fehlt.

Die schwierigere Frage ist, welche längst bekannte Wahrheit vor uns liegt und welchen Prozess wir selbst noch durchlaufen müssen, damit wir ihren Gehalt überhaupt erkennen können.